Das Longevity-Glossar
Biologie des Alterns
AMPK
AMPK (AMP-aktivierte Proteinkinase) ist ein Enzym, das den Energiestatus der Zelle überwacht und bei niedrigem Energieniveau aktiv wird. Es fördert Autophagie und Fettverbrennung und drosselt gleichzeitig energieverbrauchende Wachstumsprozesse wie mTOR.
Autophagie
Autophagie ist der zelluläre Prozess, bei dem beschädigte Proteine, Organellen und andere Bestandteile in Membranbläschen eingeschlossen, zu Lysosomen transportiert und dort abgebaut und recycelt werden. Sie lässt mit dem Alter nach, was als Beitrag zum Alternsprozess gilt.
Die Kennzeichen des Alterns
Die „Kennzeichen des Alterns“ sind ein Rahmenwerk aus miteinander verknüpften zellulären und molekularen Prozessen – etwa genomische Instabilität, Telomerverkürzung oder zelluläre Seneszenz –, die gemeinsam als treibende Mechanismen des biologischen Alterns gelten.
Inflammaging
Inflammaging bezeichnet eine chronische, niedriggradige systemische Entzündung, die mit zunehmendem Alter auch ohne akute Infektion ansteigt. Sie wird als Mitverursacher zahlreicher altersassoziierter Erkrankungen betrachtet, von Arteriosklerose bis zu neurodegenerativen Prozessen.
Mitochondriale Dysfunktion
Mitochondriale Dysfunktion bezeichnet die mit dem Alter abnehmende Effizienz der Mitochondrien bei der Energiegewinnung, verbunden mit vermehrter Produktion reaktiver Sauerstoffspezies und geschädigter mitochondrialer DNA. Sie gilt als einer der zentralen Mechanismen des biologischen Alterns.
mTOR
mTOR (mechanistic Target of Rapamycin) ist eine Proteinkinase, die als zentraler Nährstoff- und Energiesensor der Zelle fungiert und bei Nährstoffüberfluss Wachstum und Proteinsynthese antreibt. Seine Hemmung verlängert in praktisch jedem bisher getesteten Modellorganismus die Lebensspanne.
NAD+
NAD+ (Nicotinamidadenindinukleotid) ist ein Coenzym, das in praktisich jeder Zelle für den Energiestoffwechsel, DNA-Reparatur und die Aktivität der Sirtuine benötigt wird. Die zelluläre NAD+-Konzentration nimmt im Verlauf des Lebens nachweislich ab.
Oxidativer Stress
Oxidativer Stress ist ein Ungleichgewicht zwischen der Produktion reaktiver Sauerstoffspezies (freier Radikale) und der Fähigkeit der Zelle, diese durch körpereigene antioxidative Systeme zu neutralisieren. Das Ungleichgewicht kann Proteine, Lipide und DNA schädigen.
Sirtuine
Sirtuine sind eine Familie von sieben Enzymen (SIRT1–SIRT7), die NAD+ als Cosubstrat benötigen und Proteine durch Entfernen chemischer Gruppen (Deacetylierung) regulieren. Sie steuern unter anderem DNA-Reparatur, Stoffwechsel und Stressantworten der Zelle.
Telomerase
Telomerase ist ein Enzym, das Telomer-DNA an den Chromosomenenden neu synthetisieren und so die Telomerlänge wiederherstellen kann. In den meisten ausdifferenzierten Körperzellen des Menschen ist es inaktiv, in Stammzellen und den meisten Krebszellen dagegen aktiv.
Telomere
Telomere sind repetitive DNA-Sequenzen an den Enden der Chromosomen, die diese vor Abbau und Verschmelzung schützen. Sie verkürzen sich bei jeder Zellteilung, bis eine kritische Länge erreicht ist und die Zelle in Seneszenz oder Apoptose übergeht.
Zelluläre Seneszenz
Zelluläre Seneszenz ist ein dauerhafter Stillstand der Zellteilung, bei dem die Zelle am Leben bleibt und entzündungsfördernde Botenstoffe ausschüttet. Sie gilt als einer der zentralen Mechanismen des biologischen Alterns.
Biomarker & Tests
ApoB
ApoB (Apolipoprotein B) ist das Strukturprotein, das auf jedem LDL-, VLDL- und Lp(a)-Partikel im Blut genau einmal vorkommt. Der ApoB-Wert misst deshalb die tatsächliche Anzahl potenziell arterienschädigender Lipoprotein-Partikel, statt nur die in ihnen transportierte Cholesterinmenge zu schätzen.
Biologisches Alter
Das biologische Alter ist ein Schätzwert für den funktionellen Alterungszustand des Körpers, abgeleitet aus Biomarkern, Bildgebung oder Leistungstests, im Unterschied zum chronologischen Alter, das schlicht die seit der Geburt vergangene Zeit angibt.
Epigenetische Alterstests
Epigenetische Alterstests (epigenetische Uhren) schätzen das biologische Alter anhand des Methylierungsmusters an Hunderten bis Tausenden Stellen der DNA. Bekannte Beispiele sind die Horvath-Uhr, GrimAge und PhenoAge, die sich in den zugrunde liegenden Trainingsdaten und der Vorhersagekraft unterscheiden.
Frailty-Index
Der Frailty-Index (Gebrechlichkeitsindex) ist ein zusammengesetzter Wert, der den Anteil vorhandener gesundheitlicher Defizite – etwa Krankheiten, funktionelle Einschränkungen und auffällige Laborwerte – an einer definierten Liste möglicher Defizite angibt. Er dient dazu, Gebrechlichkeit systematisch statt nur subjektiv einzuschätzen.
Herzfrequenzvariabilität (HRV)
Die Herzfrequenzvariabilität (HRV) beschreibt die Schwankung der Zeitintervalle zwischen aufeinanderfolgenden Herzschlägen und gilt als Fenster auf das Gleichgewicht zwischen sympathischem und parasympathischem Nervensystem. Eine höhere HRV wird allgemein mit besserer autonomer Anpassungsfähigkeit assoziiert.
hs-CRP
Das hochsensitive C-reaktive Protein (hs-CRP) ist ein Bluttest, der niedriggradige, chronische Entzündung präziser erfasst als der klassische CRP-Test für akute Infektionen. Erhöhte Werte sind mit einem höheren kardiovaskulären Risiko assoziiert.
VO2max
VO2max ist die maximale Menge Sauerstoff, die der Körper pro Minute und Kilogramm Körpergewicht bei maximaler körperlicher Belastung aufnehmen und verwerten kann. Sie gilt in großen Kohortenstudien als einer der stärksten Prädiktoren für Gesamtsterblichkeit.
Therapien
GLP-1-Rezeptoragonisten
GLP-1-Rezeptoragonisten sind Medikamente, die den Effekt des körpereigenen Darmhormons GLP-1 nachahmen: Sie verstärken die Insulinausschüttung, verlangsamen die Magenentleerung und dämpfen das Hungergefühl im Gehirn. Sie sind in Deutschland zur Behandlung von Typ-2-Diabetes und, in höherer Dosierung, von Adipositas zugelassen.
Intervallfasten
Intervallfasten bezeichnet Ernährungsmuster, bei denen sich Phasen der Nahrungsaufnahme mit längeren Fastenperioden abwechseln – etwa täglich in einem festen Zeitfenster (z. B. 16:8) oder an bestimmten Wochentagen (z. B. 5:2). Es aktiviert einige der Stoffwechselwege, die auch bei allgemeiner Kalorienrestriktion eine Rolle spielen.
Kalorienrestriktions-Mimetika
Kalorienrestriktions-Mimetika sind Substanzen, die zelluläre Signalwege aktivieren, die auch durch echte Kalorienrestriktion ausgelöst werden – etwa AMPK-Aktivierung oder mTOR-Hemmung –, ohne dass tatsächlich weniger Kalorien aufgenommen werden müssen.
mTOR-Hemmung
mTOR-Hemmung bezeichnet den therapeutischen Einsatz von Wirkstoffen wie Rapamycin (Sirolimus), um die Aktivität der Proteinkinase mTOR zu drosseln – dem in Tiermodellen am konsistentesten mit verlängerter Lebensspanne assoziierten Eingriff der Alternsforschung.
Peptidtherapie
Peptidtherapie bezeichnet den therapeutischen Einsatz kurzer Aminosäureketten (Peptide), die im Körper spezifische Rezeptoren ansprechen und dadurch gezielte biologische Signale auslösen sollen, etwa zu Geweberegeneration, Entzündungshemmung oder Hormonregulation.
Senolytika
Senolytika sind Substanzen, die seneszente Zellen selektiv zum programmierten Zelltod bringen sollen, ohne gesunde Zellen zu schädigen. Sie zielen damit direkt auf einen der zentralen Mechanismen des Alterns – die Anhäufung seneszenter Zellen.
Testosteronersatztherapie
Die Testosteronersatztherapie (TRT) gleicht bei Männern mit ärztlich diagnostiziertem, symptomatischem Testosteronmangel (Hypogonadismus) den Hormonspiegel medikamentös aus, meist durch Injektionen, Gele oder Pflaster. Sie ist keine zugelassene Behandlung für einen alterstypischen, aber im Normbereich liegenden Testosteronrückgang ohne gesicherte Mangeldiagnose.
Wirkstoffe & Medikamente
Berberin
Berberin ist ein Pflanzenalkaloid aus Berberitzen- und verwandten Pflanzenarten, das über eine Aktivierung von AMPK ähnliche Stoffwechseleffekte wie das Medikament Metformin zeigt. Es wird in Studien vor allem zur Blutzucker- und Blutfettsenkung untersucht.
Fisetin
Fisetin ist ein Flavonoid, das in Erdbeeren, Äpfeln und anderen Früchten vorkommt und in Tierstudien unter den am gründlichsten untersuchten Senolytika zählt – Substanzen, die seneszente Zellen selektiv abtöten sollen.
NMN
NMN (Nicotinamidmononukleotid) ist eine direkte Vorstufe von NAD+ im körpereigenen Stoffwechsel. Als Nahrungsergänzungsmittel eingenommen, hebt es in kontrollierten Studien am Menschen nachweislich den NAD+-Spiegel im Blut an.
NR (Nicotinamidribosid)
Nicotinamidribosid (NR) ist eine natürlich vorkommende Form von Vitamin B3 und wie NMN eine Vorstufe von NAD+. Es wird oral eingenommen über einen eigenen Transportweg in die Zelle aufgenommen und dort zu NAD+ umgewandelt.
Quercetin
Quercetin ist ein Flavonoid, das in vielen Obst- und Gemüsesorten wie Zwiebeln und Äpfeln vorkommt. Es wirkt antioxidativ und entzündungshemmend und wird in Kombination mit dem Krebsmedikament Dasatinib als mögliches Senolytikum erforscht.
Resveratrol
Resveratrol ist ein Polyphenol, das natürlich in Traubenschalen, Rotwein und einigen Beeren vorkommt und ursprünglich als direkter Aktivator der Sirtuine – insbesondere SIRT1 – beschrieben wurde. Die physiologische Relevanz dieses Mechanismus beim Menschen in üblichen Nahrungsergänzungsdosen ist wissenschaftlich umstritten.
Urolithin A
Urolithin A ist ein Stoffwechselprodukt, das aus Ellagitanninen – enthalten etwa in Granatäpfeln, Walnüssen und Beeren – durch Darmbakterien gebildet wird. Es wird mit einer Förderung der Mitophagie, dem selektiven Abbau geschädigter Mitochondrien, in Verbindung gebracht.
Allgemein & klinisch
Evidenzgrad
Der Evidenzgrad ist eine Einstufung, wie belastbar die wissenschaftliche Grundlage für eine Wirkung oder Empfehlung ist – von wiederholt bestätigten Ergebnissen aus randomisierten Studien am Menschen bis hin zu reinen Tier- oder Zellkulturdaten ohne gesicherten menschlichen Nachweis.
Healthspan vs. Lifespan
Die Lebensspanne (Lifespan) ist die Gesamtzahl gelebter Jahre; die Gesundheitsspanne (Healthspan) ist der Anteil davon, der in guter Gesundheit, ohne schwere chronische Erkrankung oder Funktionseinschränkung verbracht wird. Moderne Langlebigkeitsmedizin zielt vorrangig auf die Verlängerung der Gesundheitsspanne.
Off-Label-Verordnung
Eine Off-Label-Verordnung liegt vor, wenn ein bereits zugelassenes Arzneimittel außerhalb der von den Arzneimittelbehörden geprüften und genehmigten Indikation, Dosierung oder Patientengruppe eingesetzt wird. In der Langlebigkeitsmedizin betrifft dies unter anderem Metformin und Rapamycin, die für Diabetes bzw. Transplantationsmedizin zugelassen sind, aber ohne diese Indikation zur Alternsprävention verordnet werden.
Randomisierte kontrollierte Studie (RCT)
Eine randomisierte kontrollierte Studie (RCT) ist ein Studiendesign, bei dem Teilnehmende nach dem Zufallsprinzip entweder einer Behandlungs- oder einer Kontrollgruppe zugeteilt werden. Die Randomisierung soll bekannte und unbekannte Störfaktoren zwischen den Gruppen ausgleichen und ermöglicht dadurch belastbarere Aussagen über Ursache und Wirkung als reine Beobachtungsstudien.
Sarkopenie
Sarkopenie ist der altersbedingte, fortschreitende Verlust von Skelettmuskelmasse, Muskelkraft und körperlicher Leistungsfähigkeit. Sie erhöht das Risiko für Stürze, Gebrechlichkeit und den Verlust der Selbstständigkeit im Alter.
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